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Wo liegt die Mitte unseres Landes?
Neulich erst stieß ich zufällig auf eine eher kuriose Meldung. Wieder einmal hatte ein Spaßvogel versucht zu ermitteln, wo denn die wahre geografische
Mitte von Deutschland liege. Der Gedanke ist nicht neu, auch nicht in anderen Ländern. Ich selber spazierte während einer Wanderfreizeit auch
schon einmal zum geografischen Mittelpunkt von Kärnten. Der Platz war nett hergerichtet, ein kleiner Hügel mit einer Markierung, rings einige
Sichtachsen freigeschlagen. Einer aus unserer Gruppe steckte doch glatt eine Münze in einen Automaten und schwupps(!) schon landete mein Foto
im Internet. Nun weiß es alle Welt: Hans-Dieter Hüfken war am geografischen Mittelpunkt von Kärnten. Na toll! Für Deutschland gibt es mehrere Versuche, diesen Punkt zu ermitteln, inzwischen sind es wohl schon acht. Selbstverständlich, wen wunderts, führten alle Versuche zu einem anderen Ergebnis. Das liegt an den
unterschiedlichen Berechnungsmethoden. Keine Frage, jede Methode wird von den jeweiligen Rechenkünstlern als alleiniger Weg zur Wahrheit
angepriesen. Den Mittelpunkt der Welt, zumindest den von Deutschland, hätten sie gefunden. Die anderen seien im Irrtum. Den betreffenden
Städten und Gemeinden ist das völlig egal. Sie haben das Rechenergebnis als bare Münze genommen und flugs an jener wichtigen Stelle ein
Bäumchen gepflanzt oder einen kleinen Gedenkstein aufgestellt oder beides. Vielleicht noch eine kleine Bank, damit der Besucher einen Moment
innehalten kann in dem fröhlichen Bewusstsein, dass wir jetzt eine Mitte haben und er sich gerade dort aufhält.
Was als kleine Kuriosität den Touristen ein kleines Lächeln beschert, ist jedoch in Wirklichkeit bitterernst. Wenn wir mehrere Punkte für eine
geografische Mitte haben, heißt das, dass niemand den tatsächlichen Punkt kennt. Geografisch ist das nicht wichtig, aber trifft dies auch ideell
betrachtet zu? Wo liegt die Mitte unseres Landes? Was ist die Mitte unseres Volkes? Gibt es einen Anker, an dem unsere Gesellschaft festmachen kann?
Haben wir als Gemeinde Jesu Christi ein Zentrum? Kennen wir eigentlich den Dreh- und Angelpunkt unseres eigenen Lebens? Wo ist unsere Mitte?
Kann ein solches Zentrum auch mal wechseln? Verlagern wir gelegentlich den Schwerpunkt unserer Interessen und schon dreht sich alles um eine
andere Achse? Sehr gerne drehen wir uns ja auch um uns selbst – wozu haben wir schließlich eine Wirbelsäule! Oder suchen wir uns Achsen, die für
so eine wichtige Funktion ungeeignet sind? Dieser Eindruck drängt sich mir zumindest auf, wenn ich die Schwerpunktthemen der Nachrichten ansehe.
Dort erscheint nach den wirklich erschreckenden Meldungen aus den Kriegs- und Krisengebieten sofort in meist dieser Reihenfolge:
Uns geht es schlecht, weil die Wirtschaft nicht in Gang kommt Uns geht es schlecht, weil ein Präsident mit Zöllen alles durcheinanderbringt
Uns geht es schlecht, weil wir so viele Nichtstuer und Migranten haben Uns geht es schlecht, weil Umweltschutzgesetze alles teuer machen
Uns geht es schlecht, wir sind von Armut bedroht.Ist das etwa die Achse, um die wir uns drehen – ist die Angst um vielleicht
schwindenden Wohlstand die Mitte unseres Lebens, unserer Gesellschaft? Vor etlichen Jahren sangen „Arno & Andreas“ zu diesen Gedanken:
Die Wohlstandsmaschine hat uns überrollt, und was LEBEN heißt, ist noch umstritten. Sind die Wälder verschwunden und das Trinkwasser knapp,
dann erst ahnt man, was wirklich passierte. In den Wolken blieb Schwefel, in den Lungen blieb Teer,in den Herzen blieb Geiz, Neid und Habgier.
Doch nach wie vor ist unser Herz ja nicht satt und das Glück ein gefragter Artikel Wir verzichten nur selten, und wenn, dann auf Gott.
Und nun fehlt uns zum Leben die Mitte. … wenn erlaubt ist, was Geld bringt, hat der Mensch keine Chance, denn
Profit ist ein schlimmer Diktator. Dem Verstand blieb der Irrtum, jeder Fortschritt sei gut und der Seele blieb Leere in Fülle. Doch nach wie vor ist unser Herz ja nicht
satt, und das Glück ein gefragter Artikel. Wir verzichten nur selten, und wenn, dann auf Gott. Und nun fehlt uns zum Leben die Mitte. Mitten in der Passionszeit richten wir uns auf die Mitte unseres Glaubensaus: Alles dreht sich um das Kreuz, an dem Christus eine entscheidende
Wende herbeigeführt hat. Von dieser Mitte aus ordnen wir unsere Ziele und Wünsche, von dort aus entscheiden wir, wie wir unsere Zeit und Kraft
einsetzen. Von dort hören wir das erlösende Wort, dass Jesus vergeben wird, was unser Versagen angerichtet hat. Dort lassen wir uns halten in
Gottes liebevoller Umarmung. Von dort strecken wir unsere Hände allenentgegen, denen Halt und Mitte fehlen. Dorthin laden wir jeden ein, die
zentrale Botschaft Jesu zu hören: Kommt her zu mir.
Wo ist unsere Mitte?